Gert Kowarowsky, Psychologischer Psychotherapeut, Psychotherapeutische Schulen: Sigmund Freud

Sigmund Freud

Schon Sigmund Freud stellte die These auf, dass die Beziehung zwischen Analytiker und Analysand entscheidend für das Gelingen der Therapie sei, dabei jedoch vor allem die „unrealistischen“ Beziehungsanteile meinte, jenen Teil der Beziehung, den er als Übertragung verstand.

 

Die Prozesse der Übertragung und Gegenübertragung rückten in den Fokus seiner Aufmerksamkeit und wurden für die therapeutische Arbeit fruchtbar gemacht.

 

Die Beziehung, die Freud zu seinen Patienten aufnahm, war immer von einem intensiven Interesse für den anderen gekennzeichnet. Freud ging ohne professionelle Zurückhaltung, professorale Distanz und ohne eigene Schutzbedürfnisse zu signalisieren, auf den anderen zu. Er holte seine Patienten im Wartezimmer ab, konnte dabei freundlich mit den Armen winken, er begrüßte den Kommenden, indem er ihm die Hände drückte, zog ihn dabei ein wenig an sich heran. Seine Haltung wird als freundlich, ja herzlich und zugleich distanziert beschrieben. Er vermittelte das Gefühl der Ruhe und Sicherheit. 

 

Die so Angesprochenen waren sich einig, dass Freud Autorität und Kraft ausstrahlte, unbeschränktes Vertrauen einflößte und dass er ihnen gegenüber selbstsicher, einfach, ungezwungen und natürlich auftrat. Alle Analysanden betonten aber auch, dass er stets eine große Sachlichkeit vermittelte. Der Umgang war auf die gemeinsame Aufgabe des Erkenntnisprozesses ausgerichtet. Die Patienten berichteten übereinstimmend von einer wohltuenden Distanz, die ihnen selbst Freiheit ließ. 

 

Freud hat immer betont, dass die „therapeutische Beziehung” – und damit meinte er eben die Übertragung – als völlig unabhängiger und autonomer Vorgang aufgefasst werden müsse, unbeeinflusst vom Analytiker. Daneben sei aber „nicht jede gute Beziehung zwischen Analytiker und Analysiertem, während und nach der Analyse, als Übertragung einzuschätzen. Es gebe auch freundschaftliche Beziehungen, die real begründet sind und sich als lebensfähig erweisen”

(Freud 1937, S. 65).